In meinem Blog veröffentliche ich jeden Monat Gedanken, Anregungen und Übungen zur philosophischen Praxis. Welches sind die Grundgedanken der philosophischen Beratung, welches sind ihre Themen, worum geht es, worin unterscheidet sie sich von anderen Beratungsangeboten, an wen richtet sich das Angebot?

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«Lösungsorientiert?» Ja, aber…

Nicht wenige Beratungsangebote laufen unter dem Schlagwort «lösungsorientiert». Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit? Kann man nicht davon ausgehen, dass Kundinnen und Kunden, die eine Beratung in Anspruch nehmen, mit einem Problem kommen, das sie gelöst haben wollen und dies möglichst rasch? Deshalb mag es vielleicht erstaunen, dass «Lösungsorientierung» durchaus nicht bei allen Menschen so gut ankommt. Nicht wenige fühlen sich überfahren, andere nicht ernst genommen, wieder andere unverstanden oder zu wenig wertgeschätzt.

Mir selber ging es erstmals so in meiner Ausbildung zum lösungsorientierten Coach. Ratsuchende, die ihr Problem nicht lösen wollten oder konnten, wurden dort als «Besucher» eingestuft, die man freundlich, aber bestimmt wieder verabschieden sollte. Ich erinnere mich an eine Szene, als ich vor der ganzen Gruppe vom Ausbildner gecoacht worden bin. Eine von mir geschilderte berufliche Situation wollte und wollte sich einfach nicht in ein (sofort) lösbares Problem umformulieren lassen. Ich bin versucht zu sagen: Die Situation widersetzte sich, sich den Bedingungen des Coachings anzupassen. Mit dem Resultat, dass der Trainer ungeduldig wurde, weil ich nur eine Gestimmtheit, ein unbehagliches Verhältnis zu meiner damaligen beruflichen Situation, ein Gefühl der Leere und der Entfremdung, aber kein lösbares Problem formulieren konnte.

Ja, in dieser Situation fühlte auch ich mich absolut nicht ernst genommen und schon gar nicht verstanden. Aber gilt es nicht für viele Probleme, dass sie kurzfristig und manche gar nicht lösbar sind? Leben heisst Leiden, sagen unter die Buddhisten, zumindest so lange wir an unseren Ego-Illusionen festhalten.

Was heisst das nun für die philosophische Beratung? Dass in ihr – natürlich alle – aber ganz besonders diejenigen willkommen und gut aufgehoben sind, die mit einer raschen «Problemlösung» nicht zufrieden zu stellen sind. Die ihre Situation verstehen und von einer anderen Person verstanden werden wollen. Wenn Leben Leiden heisst, dann geht es nicht darum, sich möglichst rasch aller Probleme zu entlegen – denn das nächste wartet schon um die Ecke und tückischer Weise gerade dann, wenn ich meine, es laufe alles so richtig rund. Es gibt Situationen, die per se nicht in ein lösbares Problem umzufunktionieren sind: Der Verlust eines geliebten Menschen, eine schwere Krankheit, eine schmerzliche Trennung, ein schreckliches Verbrechen, aber auch andere «harmlosere» existentielle Erfahrungen – sind dem Zugriff der raschen Problemlösung definitiv entzogen. Karl Jaspers nennt das «Grenzsituationen». Diese verdienen es, in einem echten Gespräch gewürdigt und nicht mit ein paar Techniken vordergründig und wahrscheinlich kaum nachhaltig aus der Welt geschafft zu werden. Hinter dem Schlagwort «lösungsorientiert» verstecken sich Zeitdruck und Ungeduld. Der Umgang mit und die Beratung zu Grenzsituationen benötigen jedoch genau das Gegenteil: viel Zeit und grosse Geduld.

Wie kürzlich ein Buddhist an einer eindrücklichen buddhistischen Trauerfeier sinngemäss sagte: Sich aller Illusionen zu entledigen, ist etwas für Weise und Heilige. Wir gewöhnlich Sterblichen werden das Leiden ein Leben lang nicht los. Aber wir können uns dazu in unterschiedlicher Weise verhalten. Wir können mit dem Leiden und dem Schmerz leben und eine Haltung dazu entwickeln. Jeder auf seine Weise.

In der philosophischen Beratung heisst der Besucher im übrigen Gast, ob mit oder ohne zu lösendes Problem und er wird nicht wieder höflich verabschiedet, sondern zum Verweilen eingeladen…

 

Kontemplative Philosophie

Zwei kleine Texte zur Meditation

Kontemplative Philosophie ist eine meditativ-kontemplative Übung, die von einem kleinen philosophischen Text oder ein Textausschnitt ausgeht. Kontemplative Philosophie unterscheidet sich stark von dem, was wir üblicherweise unter Philosophie verstehen; sie ist nicht argumentativ, nicht überzeugend oder debattierend. Sie dient auch nicht der Analyse oder der Lösung von Problemen, sondern ist ein Weg, uns selbst für die unendliche Tiefe und Komplexität der Realität jenseits einer begrenzten und egozentrierten Perspektive zu eröffnen. Dazu bremsen wir während der Übung ganz bewusst unseren inneren Antrieb aus, dem Gelesenen oder Gehörten sofort beizupflichten oder zu widersprechen. Unser Impuls Texte (oder gesprochene Worte) bereits während des Lesens oder Hörens zu kommentieren, zu bewerten, zu schubladisieren, zu kritisieren oder zu loben, setzt normalerweise unwillkürlich ein. Dehalb richten wir unsere Aufmerksamkeit während der Übung auch darauf, was der Text in uns auslöst (und versuchen, das nicht zu bewerten). Wir halten sowohl den Text als auch das, was er in uns auslöst in der Schwebe.

In der kontemplativen Philosophie lassen wir grundsätzlich verschiedene philosophische Stimmen sprechen, ohne uns darum zu kümmern, ob das Gelesene oder Gehörte «richtig» oder «falsch» ist. Für die kontemplative Philosophie ist es nicht nur kein Problem, sondern geradezu ein willkommenes Phänomen, wenn verschiedene, vordergründig widersprüchliche Stimmen positiv in uns anklingen. Wir zwingen uns nicht zu einer Entscheidung zwischen ihnen, sondern denken und meditieren darüber, wie sie nebeneinander bestehen, wie sie miteinander in Kontakt treten und interagieren. Diese «offene» Haltung darf nicht verwechselt werden mit Beliebigkeit. Wir fügen jedoch die eigenen kritischen Bemerkungen gleich wieder in den Chor der Vielstimmigkeit ein und erweitern dadurch unsere  enge Welt.

Als Einstieg zwei kleine Texte von Botho Strauss und J. Krishnamurti

Aus Botho Strauss: Allein mit allen
Unserer Lossagung vom Übel folgte ein übles Lossein. Wie ohne Herkunft Geborene irren wir ständig in ein falsches Zuhaus. Läufer und Tänzer, Springer und Fechter, Jäger und Flüchtige, ach, es sind überall nur Bewegungen unterwegs! Diese Worte, Gesichter, Geschwindigkeiten – wann und wo sollte das sein? Und ich selbst, wann und wo? Nein, ungewiss ist es, nicht auszumachen. Statt eines bescheidenen Bunds von Erfahrungen tragen wir eine hohe Kiepe voller Gelüste und Reizbarkeiten auf dem Buckel, eine grosse Menge von Meinungen und Informationen, lauter unerprobte Existenz, ermüdender zu schleppen als ein mittelschweres Schicksal. Natürlich, das reiche innere Programm unserer Freuden und Leiden wird wohl noch abgespielt, aber ohne dass dabei ein Leben hervorträte, nach aussen hin geschähe. Wir neigen ja schon dazu, das Spiel von Reiz und Regung für die Sache des tätigen Lebens selbst zu nehmen, obgleich es uns ergeht wie einem, der sich zum Flieger ausbilden lässt und doch nie über die Trainingsstunde im Simulator hinausgelangt. Unser Leben in Freiheit? Freiheit! Heiliges Wort, gewaltiges Feuer, das Völker, Staaten, Klassen, Künstler begeisterte und erhob! Doch sein lodernder Lauf, nicht aufzuhalten, allesfressend, hält auch inseits des längst Freien nicht an, der eigentlich der Fassung und Fügung eher bedürfte als weiterer Lossagung. Freiheit und ihr langer Lauf vom schöpferischen Feuer zu einem den Lebensgrund verheerenden Flächenbrand – Freiheit von Sklaverei und Fremdherrschaft, Freiheit von Gott und Naturgeschick. Freiheit von Staatszwang und Familienbindung, Freiheit vom andern, Freiheit von allem – frei wie noch nie, frei wie verrückt!

Krishnamurti: Einsamkeit ist Leid: Für sich allein stehen ist Freiheit
(aus «Wie willst Du leben?»)

Der Mensch muss allein sein. Wir sind nicht allein. Wir sind das Produkt von Tausenden von Einflüssen. Tausenden von Konditionierungen, das Produkt unseres psychischen Erbes, der Propaganda und Kultur. Wir sind nicht allein, und deshalb sind wir Menschen aus zweiter Hand. Wenn man allein ist, vollkommen allein, weder irgendeiner Familie angehört, obowhl man vielleicht eine Familie hat, noch einer Nation oder Kultur oder Organisation, hat man das Gefühl, ein Aussenseiter zusein – ein Ausseneiter in Bezug auf jedes Denk- und Handlungsmuster, jede Familie und Nation. und nur ein Mensch ,der vollkommen allein ist, ist unschuldig. Unschuld befreit den Geist von Leid.

 

Denk nicht, sondern schau!

«Denk nicht, sondern schau» – ein im ersten Moment irritierender Satz von Ludwig Wittgenstein in seinen «Philosophischen Untersuchungen». Ein Philosoph fordert uns dazu auf, nicht zu denken? Und als philosophische Beraterin greife ich diesen Satz auf? Ist es nicht das Ziel einer philosophischen Beratung gemeinsam mit den Ratsuchenden über das Leben und die mitgebrachten Problemkonstellationen nachzudenken? Damit beim Denken allerdings etwas Neues entstehen kann, ist es manchmal nötig, unter der Geröllhalde von Meinungen, Interpretationen, Werten, Moralvorstellungen, Urteilen und Vorurteilen das hervor zu graben, was ist. Denn mit unseren Worten, Begriffen, Sätzen und Konzepten belagern wir nicht nur unsere Mitmenschen – was das Zusammenleben manchmal erheblich erschwert – sondern auch und vielleicht sogar noch bedrängender uns selbst. Wer kennt nicht den hartnäckigen inneren Monolog, der anlässlich gewisser Ereignisse und Erfahrungen in uns abläuft, meistens in einer Endlosschleife und ohne Ergebnis. Der von Epiktet stammende Satz «Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen und Urteile über die Dinge» ist mittlerweile schon fast zu einem Grundaxiom jeglicher Beratung geworden.

Ein Satz also, dem fast alle zustimmen und der trotzdem seine Tücken hat. Wir kommen vom Meinen und Urteilen nämlich nicht so schnell los. Sobald wir einen Brocken aus unserer Geröllhalde beiseitegeschoben haben, kullert uns schon der nächste vor die Füsse. Zum Beispiel, wenn wir uns eines Urteils entledigen und als Kompensation genauso überzeugt das Gegenteil behaupten. Unsere Meinungen sind überdies stark mit unseren Gefühlen verstrickt. Und diese liegen oft eine Schicht tiefer als das Denken. Der Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen oder gar Denken und Handeln ist nicht linear, sondern komplex. Und wo bleibt eigentlich die «Wirklichkeit» – das, was ist? Verschwinden die Hindernisse und Bedrängnisse in unserem Leben, das Beängstigende, das Schreckliche, das Verbrechen, das «Böse» gar, wenn wir es nicht mehr so benennen, ins «Positives» umdeuten oder schlicht ignorieren? Und schon sind wir wieder beim Denken. Wir müssen zugestehen, dass auch das Denken über das Denken eben ein Denken bleibt und wir an die Sprache, an die uns zur Verfügung stehenden Worte und Sätze gebunden bleiben.

Was also bringt die Aufforderung, zu schauen anstatt zu denken?

  • Das Schauen schafft Distanz, die dem «Was ist» erlaubt, hinter den Meinungen und Urteilen aufzuscheinen.
  • Das Schauen gewährt Zeit, die uns vor repetitiven Reaktionen und übereilten Handlungen schützt.
  • Das Schauen klärt und deblockiert das Denken, das unseren Handlungsspielraum verengt.
  • Das Schauen macht Platz für neue, frische Gedanken, die es uns ermöglichen, unserem aktuellen «Was ist» angemessener zu begegnen.

Wie die klassische Medidation erfordert das «Schauen» etwas Übung. Für westliche Menschen ist es jedoch oft einfacher, die Aufmerksamkeit auf konkrete Situationen zu lenken anstatt auf das Zählen des Atems oder auf das Wiederholen eines Mantras. Du kannst jede Situation, in der Du Dich befindest, als Anlass nehmen zu schauen. Wenn Du – was unweigerlich eintreten wird – wieder anfängst zu urteilen, so schiebe Dein Urteil weg wie einen Vorhang und schaue, was hinter ihm liegt.