«Lösungsorientiert?» Ja, aber…

Nicht wenige Beratungsangebote laufen unter dem Schlagwort «lösungsorientiert». Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit? Kann man nicht davon ausgehen, dass Kundinnen und Kunden, die eine Beratung in Anspruch nehmen, mit einem Problem kommen, das sie gelöst haben wollen und dies möglichst rasch? Deshalb mag es vielleicht erstaunen, dass «Lösungsorientierung» durchaus nicht bei allen Menschen so gut ankommt. Nicht wenige fühlen sich überfahren, andere nicht ernst genommen, wieder andere unverstanden oder zu wenig wertgeschätzt.

Mir selber ging es erstmals so in meiner Ausbildung zum lösungsorientierten Coach. Ratsuchende, die ihr Problem nicht lösen wollten oder konnten, wurden dort als «Besucher» eingestuft, die man freundlich, aber bestimmt wieder verabschieden sollte. Ich erinnere mich an eine Szene, als ich vor der ganzen Gruppe vom Ausbildner gecoacht worden bin. Eine von mir geschilderte berufliche Situation wollte und wollte sich einfach nicht in ein (sofort) lösbares Problem umformulieren lassen. Ich bin versucht zu sagen: Die Situation widersetzte sich, sich den Bedingungen des Coachings anzupassen. Mit dem Resultat, dass der Trainer ungeduldig wurde, weil ich nur eine Gestimmtheit, ein unbehagliches Verhältnis zu meiner damaligen beruflichen Situation, ein Gefühl der Leere und der Entfremdung, aber kein lösbares Problem formulieren konnte.

Ja, in dieser Situation fühlte auch ich mich absolut nicht ernst genommen und schon gar nicht verstanden. Aber gilt es nicht für viele Probleme, dass sie kurzfristig und manche gar nicht lösbar sind? Leben heisst Leiden, sagen unter die Buddhisten, zumindest so lange wir an unseren Ego-Illusionen festhalten.

Was heisst das nun für die philosophische Beratung? Dass in ihr – natürlich alle – aber ganz besonders diejenigen willkommen und gut aufgehoben sind, die mit einer raschen «Problemlösung» nicht zufrieden zu stellen sind. Die ihre Situation verstehen und von einer anderen Person verstanden werden wollen. Wenn Leben Leiden heisst, dann geht es nicht darum, sich möglichst rasch aller Probleme zu entlegen – denn das nächste wartet schon um die Ecke und tückischer Weise gerade dann, wenn ich meine, es laufe alles so richtig rund. Es gibt Situationen, die per se nicht in ein lösbares Problem umzufunktionieren sind: Der Verlust eines geliebten Menschen, eine schwere Krankheit, eine schmerzliche Trennung, ein schreckliches Verbrechen, aber auch andere «harmlosere» existentielle Erfahrungen – sind dem Zugriff der raschen Problemlösung definitiv entzogen. Karl Jaspers nennt das «Grenzsituationen». Diese verdienen es, in einem echten Gespräch gewürdigt und nicht mit ein paar Techniken vordergründig und wahrscheinlich kaum nachhaltig aus der Welt geschafft zu werden. Hinter dem Schlagwort «lösungsorientiert» verstecken sich Zeitdruck und Ungeduld. Der Umgang mit und die Beratung zu Grenzsituationen benötigen jedoch genau das Gegenteil: viel Zeit und grosse Geduld.

Wie kürzlich ein Buddhist an einer eindrücklichen buddhistischen Trauerfeier sinngemäss sagte: Sich aller Illusionen zu entledigen, ist etwas für Weise und Heilige. Wir gewöhnlich Sterblichen werden das Leiden ein Leben lang nicht los. Aber wir können uns dazu in unterschiedlicher Weise verhalten. Wir können mit dem Leiden und dem Schmerz leben und eine Haltung dazu entwickeln. Jeder auf seine Weise.

In der philosophischen Beratung heisst der Besucher im übrigen Gast, ob mit oder ohne zu lösendes Problem und er wird nicht wieder höflich verabschiedet, sondern zum Verweilen eingeladen…