Kontemplative Philosophie

Zwei kleine Texte zur Meditation

Kontemplative Philosophie ist eine meditativ-kontemplative Übung, die von einem kleinen philosophischen Text oder ein Textausschnitt ausgeht. Kontemplative Philosophie unterscheidet sich stark von dem, was wir üblicherweise unter Philosophie verstehen; sie ist nicht argumentativ, nicht überzeugend oder debattierend. Sie dient auch nicht der Analyse oder der Lösung von Problemen, sondern ist ein Weg, uns selbst für die unendliche Tiefe und Komplexität der Realität jenseits einer begrenzten und egozentrierten Perspektive zu eröffnen. Dazu bremsen wir während der Übung ganz bewusst unseren inneren Antrieb aus, dem Gelesenen oder Gehörten sofort beizupflichten oder zu widersprechen. Unser Impuls Texte (oder gesprochene Worte) bereits während des Lesens oder Hörens zu kommentieren, zu bewerten, zu schubladisieren, zu kritisieren oder zu loben, setzt normalerweise unwillkürlich ein. Dehalb richten wir unsere Aufmerksamkeit während der Übung auch darauf, was der Text in uns auslöst (und versuchen, das nicht zu bewerten). Wir halten sowohl den Text als auch das, was er in uns auslöst in der Schwebe.

In der kontemplativen Philosophie lassen wir grundsätzlich verschiedene philosophische Stimmen sprechen, ohne uns darum zu kümmern, ob das Gelesene oder Gehörte «richtig» oder «falsch» ist. Für die kontemplative Philosophie ist es nicht nur kein Problem, sondern geradezu ein willkommenes Phänomen, wenn verschiedene, vordergründig widersprüchliche Stimmen positiv in uns anklingen. Wir zwingen uns nicht zu einer Entscheidung zwischen ihnen, sondern denken und meditieren darüber, wie sie nebeneinander bestehen, wie sie miteinander in Kontakt treten und interagieren. Diese «offene» Haltung darf nicht verwechselt werden mit Beliebigkeit. Wir fügen jedoch die eigenen kritischen Bemerkungen gleich wieder in den Chor der Vielstimmigkeit ein und erweitern dadurch unsere  enge Welt.

Als Einstieg zwei kleine Texte von Botho Strauss und J. Krishnamurti

Aus Botho Strauss: Allein mit allen
Unserer Lossagung vom Übel folgte ein übles Lossein. Wie ohne Herkunft Geborene irren wir ständig in ein falsches Zuhaus. Läufer und Tänzer, Springer und Fechter, Jäger und Flüchtige, ach, es sind überall nur Bewegungen unterwegs! Diese Worte, Gesichter, Geschwindigkeiten – wann und wo sollte das sein? Und ich selbst, wann und wo? Nein, ungewiss ist es, nicht auszumachen. Statt eines bescheidenen Bunds von Erfahrungen tragen wir eine hohe Kiepe voller Gelüste und Reizbarkeiten auf dem Buckel, eine grosse Menge von Meinungen und Informationen, lauter unerprobte Existenz, ermüdender zu schleppen als ein mittelschweres Schicksal. Natürlich, das reiche innere Programm unserer Freuden und Leiden wird wohl noch abgespielt, aber ohne dass dabei ein Leben hervorträte, nach aussen hin geschähe. Wir neigen ja schon dazu, das Spiel von Reiz und Regung für die Sache des tätigen Lebens selbst zu nehmen, obgleich es uns ergeht wie einem, der sich zum Flieger ausbilden lässt und doch nie über die Trainingsstunde im Simulator hinausgelangt. Unser Leben in Freiheit? Freiheit! Heiliges Wort, gewaltiges Feuer, das Völker, Staaten, Klassen, Künstler begeisterte und erhob! Doch sein lodernder Lauf, nicht aufzuhalten, allesfressend, hält auch inseits des längst Freien nicht an, der eigentlich der Fassung und Fügung eher bedürfte als weiterer Lossagung. Freiheit und ihr langer Lauf vom schöpferischen Feuer zu einem den Lebensgrund verheerenden Flächenbrand – Freiheit von Sklaverei und Fremdherrschaft, Freiheit von Gott und Naturgeschick. Freiheit von Staatszwang und Familienbindung, Freiheit vom andern, Freiheit von allem – frei wie noch nie, frei wie verrückt!

Krishnamurti: Einsamkeit ist Leid: Für sich allein stehen ist Freiheit
(aus «Wie willst Du leben?»)

Der Mensch muss allein sein. Wir sind nicht allein. Wir sind das Produkt von Tausenden von Einflüssen. Tausenden von Konditionierungen, das Produkt unseres psychischen Erbes, der Propaganda und Kultur. Wir sind nicht allein, und deshalb sind wir Menschen aus zweiter Hand. Wenn man allein ist, vollkommen allein, weder irgendeiner Familie angehört, obowhl man vielleicht eine Familie hat, noch einer Nation oder Kultur oder Organisation, hat man das Gefühl, ein Aussenseiter zusein – ein Ausseneiter in Bezug auf jedes Denk- und Handlungsmuster, jede Familie und Nation. und nur ein Mensch ,der vollkommen allein ist, ist unschuldig. Unschuld befreit den Geist von Leid.