Denk nicht, sondern schau!

«Denk nicht, sondern schau» – ein im ersten Moment irritierender Satz von Ludwig Wittgenstein in seinen «Philosophischen Untersuchungen». Ein Philosoph fordert uns dazu auf, nicht zu denken? Und als philosophische Beraterin greife ich diesen Satz auf? Ist es nicht das Ziel einer philosophischen Beratung gemeinsam mit den Ratsuchenden über das Leben und die mitgebrachten Problemkonstellationen nachzudenken? Damit beim Denken allerdings etwas Neues entstehen kann, ist es manchmal nötig, unter der Geröllhalde von Meinungen, Interpretationen, Werten, Moralvorstellungen, Urteilen und Vorurteilen das hervor zu graben, was ist. Denn mit unseren Worten, Begriffen, Sätzen und Konzepten belagern wir nicht nur unsere Mitmenschen – was das Zusammenleben manchmal erheblich erschwert – sondern auch und vielleicht sogar noch bedrängender uns selbst. Wer kennt nicht den hartnäckigen inneren Monolog, der anlässlich gewisser Ereignisse und Erfahrungen in uns abläuft, meistens in einer Endlosschleife und ohne Ergebnis. Der von Epiktet stammende Satz «Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen und Urteile über die Dinge» ist mittlerweile schon fast zu einem Grundaxiom jeglicher Beratung geworden.

Ein Satz also, dem fast alle zustimmen und der trotzdem seine Tücken hat. Wir kommen vom Meinen und Urteilen nämlich nicht so schnell los. Sobald wir einen Brocken aus unserer Geröllhalde beiseitegeschoben haben, kullert uns schon der nächste vor die Füsse. Zum Beispiel, wenn wir uns eines Urteils entledigen und als Kompensation genauso überzeugt das Gegenteil behaupten. Unsere Meinungen sind überdies stark mit unseren Gefühlen verstrickt. Und diese liegen oft eine Schicht tiefer als das Denken. Der Zusammenhang zwischen Denken und Fühlen oder gar Denken und Handeln ist nicht linear, sondern komplex. Und wo bleibt eigentlich die «Wirklichkeit» – das, was ist? Verschwinden die Hindernisse und Bedrängnisse in unserem Leben, das Beängstigende, das Schreckliche, das Verbrechen, das «Böse» gar, wenn wir es nicht mehr so benennen, ins «Positives» umdeuten oder schlicht ignorieren? Und schon sind wir wieder beim Denken. Wir müssen zugestehen, dass auch das Denken über das Denken eben ein Denken bleibt und wir an die Sprache, an die uns zur Verfügung stehenden Worte und Sätze gebunden bleiben.

Was also bringt die Aufforderung, zu schauen anstatt zu denken?

  • Das Schauen schafft Distanz, die dem «Was ist» erlaubt, hinter den Meinungen und Urteilen aufzuscheinen.
  • Das Schauen gewährt Zeit, die uns vor repetitiven Reaktionen und übereilten Handlungen schützt.
  • Das Schauen klärt und deblockiert das Denken, das unseren Handlungsspielraum verengt.
  • Das Schauen macht Platz für neue, frische Gedanken, die es uns ermöglichen, unserem aktuellen «Was ist» angemessener zu begegnen.

Wie die klassische Medidation erfordert das «Schauen» etwas Übung. Für westliche Menschen ist es jedoch oft einfacher, die Aufmerksamkeit auf konkrete Situationen zu lenken anstatt auf das Zählen des Atems oder auf das Wiederholen eines Mantras. Du kannst jede Situation, in der Du Dich befindest, als Anlass nehmen zu schauen. Wenn Du – was unweigerlich eintreten wird – wieder anfängst zu urteilen, so schiebe Dein Urteil weg wie einen Vorhang und schaue, was hinter ihm liegt.