Allgemeines
Unter dem Begriff «Philosophische Praxis» lassen sich alle praktischen philosophischen Aktivitäten ausserhalb der akademischen Philosophie zusammenfassen. Neben der philosophischen Beratung gehören unter anderem philosophische Cafés, Workshops, Lesezirkel und philosophische «Exerzitien» dazu. Die «Philosophische Praxis» knüpft an die ursprüngliche Frage der Philosophie nach dem guten Leben an und nimmt den eigenen Begriff – Liebe zur Weisheit – beim Wort. Seit den 1980 Jahren haben sich verschiedene Ansätze philosophischer Praxen mit unterschiedlichen Methoden, Herangehensweisen und Formen der Gesprächsführung entwickelt, und es werden in verschiedenen Ländern Ausbildungsmöglichkeiten, vereinzelt auch universitäre Lehrgänge angeboten.
Grundsätzliches
Das wichtigste Ziel der philosophischen Praxis ist Selbsterkenntnis. In unserem Alltagsleben denken wir fast ununterbrochen, ohne uns darüber Rechenschaft zfu geben, was und wie wir denken. «Es denkt» – unablässig und unkontrolliert. In der «Philosophischen Praxis» streben wir weder Gedankenleere noch in erster Linie Problemlösung an. Wir untersuchen Meinungen, Begriffe, Selbstkonzepte, Welt- und und Menschenbilder sowie die Art und Weise, wie wir Sprache anwenden. Dabei gibt die «Philosophische Praxis» keine endgültige Antwort auf die grossen Fragen des Lebens. Es geht nicht darum, eine bestimmte Lehre zu übernehmen oder gar ein Weltbild durch ein anderes zu ersetzen. Im Gegenteil streben wir an, mit Ambivalenz umgehen zu können und Widersprüche kreativ zu nutzen. Wir üben uns darin, Abstand zu unseren unmittelbaren Gedanken und Gefühlen zu halten und dadurch Raum zu schaffen für neue Perspektiven und die Erweiterung unseres Bewusstseins. «Philosophische Praxis ist ein Weg, kein Ziel, das endgültig erreicht werden kann.
Methodik
Meine Tätigkeit als philosophische Praktikerin und Beraterin beruht in erster Linie auf der von Oscar Brenifier und dem «Institut de Pratiques Philosophiques» entwickelten Konzepts des sokratischen Dialogs. Um effektiv aus dem eigenen Gedankengebäude ausbrechen zu können, ist dieser strukturiert und geleitet. Wir vermeiden freies Assozieren, das meistens gar nicht so frei ist, wie wir meinen ebenso wie langwierige Schilderungen der eigenen Lebensumstände und Probleme. Darin unterscheidet sich die «Philosophische Praxis» von therapeutischen Ansätzen. Wer sich dem sokratischen Dialog stellt, wird überrascht feststellen, wie viel man über sich selber lernen kann, ohne die eigene Lebensgeschichte ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu stellen.
Ziele
klarheit
Unsere Gedanken sind oft verworren. Wir sind uns ihres Ursprungs nicht bewusst. Wir meinen, im Recht zu sein, ohne dass wir eine Begründung dafür hätten. Andere Meinungen empfinden wir als bedrohlich und unbequem. Gerne beenden wir Gespräche mit «Für mich ist das so …». Wir identifizieren uns mit unseren Gedanken und Meinungen und kapseln uns ab, um diese Identität zu schützen. Klarheit in unsere Gedanken zu bringen, ist ein erster Schritt zur …
selbsterkenntnis
Ohne Selbsterkenntnis wiederholen wir unsere Schwierigkeiten und Probleme endlos. Wir sind abhängig davon, das andere sagen und tun und reagieren mehr als wir agieren. Wir negieren unseren Anteil an auftauchenden Problem, sehen die Ursache oder gar die Schuld bei anderen. Wir durchschauen den Grund unserer Befürchtungen, Sorgen, Verhaltensweisen nicht und bleiben deshalb in ihnen hängen. Selbsterkenntnis eröffnet den Weg zu mehr …
authentizität
Wer gelernt hat, authentisch zu leben, macht die Erfahrung, dass sich das Gewicht und die Färbung der eigenen Probleme verändern. Einige Probleme verschwinden ganz, anderen, die unvermeidlich sind, können wir kreativer und flexibler begegnen. Wir hängen nicht länger an unsere konstruierten Identität und erreichen so einen Zustand der inneren …
Freiheit
Ein grosser Raum für Gedankenspiele, Lebensfreude, Reaktionsmöglichkeiten, Perspektivenwechsel, Begegnungen mit neuen Ideen und anderen Menschen …
Untersuchungsmethode: sobald man etwas gedacht hat nachprüfen in welchem Sinne das Gegenteil wahr ist.
Simone Weil
Kleine Literaturauswahl
Die unvollständige Liste ist eine Auswahl unterschiedlichster Ansätze, die das breite Spektrum der «Philosophischen Praxis» aufzeigt.
- Achenbach, Gerd: Das kleine Buch der inneren Ruhe, Freiburg i.Br. 2016
- Brenifier, Oscar: The Art of Philosophical Practice, https:// www.pratiques-philosophiques.fr
- Ferry, Luc: Leben lernen – Eine philosophische Gebrauchsanweisung, München 2009.
- Ignatieff, Michael: Über den Trost in dunklen Zeiten, Berlin 2021.
- Kamphuis, Lammert: Philosophie für jede Gelegenheit. Berlin 2020.
- Carroll, Jonathan E.; Fechner, Karin; Lahav, Ran: Psychotherapy for Philosophical Practitioners, 2026.
- Pfeil, Ludger: Du lebst, was Du denkst, Reinbek bei Hamburg 2015.
- Safranski, Rüdiger: Einzeln sein. München 2021.